Gedichtzyklus
Emphasis

'Geben' von Claudia Mühlhans

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Abend in San Francisco
[August 1997]

Noch am Abend trete ich vor die Tür des Hotels
sofort strömt mir der Wind um die Schläfen
und gebannt hänge ich im Getriebe
der 2. Straße. Die gebrochene Abendsonne
wirft Waffelmuster zu Boden

Der Bell-Captain hat den imperativen Lockruf
zwischen den Zähnen. Die metallene Flöte
trägt weit und lässt weiße Limos herbeischweben.
Ich gehe zu Fuß. Durch Chinatown
gelange ich schwitzend zu Fisherman's Wharf

Seelöwen stinken an Pier 39 zu Hunderten
gegen den Wind.  Touristen ohne Geruchssinn
staunen zu Tausenden
Alcatraz blinkt hinter den Möwen
und kreuzenden Seglern

Bettler! Sie überfluten die Stadt –
ihr Verhältnis zu Schwulen ist tausend zu eins
oder größer. Verloren, vom Leben zerstörte Gesichter
lungern sie überall

Der Einkaufswagen, an dem sie hängen
trägt ihre ganze Habe. Für Hoffnungen
bleibt keine Ablage

Einige schmelzen dein Gewissen
bis auf den Grund. Andere
hadern im Selbstgespräch

Wenn sie dich anblicken
flehen sie nicht.  Erloschen
streunen sie weiter wie vergessene Tiere...

Sie lehnen wie Unrat.  Auf den Bänken
versinken manche in die Schatten der Bäume
Niemand, der sie hetzt.  Gleichgültig
hasten die Geschäftigen durch ragende Blocks
von deren Zinnen Stars and Stripes wehen

Die Abendsonne
spiegelt sich in den gläsernen Flächen
Oben ist Licht.  Inmitten der Schluchten
kehre ich heim in mein Refugium
Man hält mir die Tür auf

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Winternacht

Auf rauhen Äckern liegt der Schnee
Ruinenmauern wittern in der Ferne
der volle Mond perlt weiß vom blauen Himmelssee
dein klammer Kragen fängt das kalte Licht der Sterne

Die Dunkelheiten nahn - du hast dich Gott befohlen
es knirscht dein Schritt auf harschen Schneekristallen
du gräbst die Stiefelspur mit eisessteifen Sohlen
dein Herz voll Angst läßt seine Rüstung fallen

Dreh dich nicht um, wenn dich die Häscher hetzen
in allen Furchen siehst du Gräberschatten
hörst gar den bösen Schnitter schon die Sense wetzen

Die Nacht verfliegt, am Himmel fliehn die Sterne
mit zager Hand raffst du den Mantelkragen
raffst letzten Mut, dich rasch nach Haus zu wagen

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Sommerregen

Blätterrauschen, Wolkengrau
Wipfel fingern in den Himmel
Schwarze Sonne leergebrannt
Vögel kuscheln sich ins Dunkel
heiße Lüfte atmen aus

Reglos wie im Herz der Tropen
blinken Augen. Federflirren:
Windspiel lockt und Katzen lauern.
Schwüle steht auf den Terrassen
Wolkenschatten treiben oben

Hörst in Ästen Laken flattern
Tote ächzen in den Bäumen
Häuser schlagen Läden zu.
Schließ die Augen nicht zu lange
Räder hart auf Pflaster rattern

Bleiern will der Himmel fallen
sondert schweres Tropfenblut
Sprungbereite Böen kauern
heulen plötzlich mit den Schauern
strömend warmer Regenflut

Schau nach oben – Wolkenfetzen
über dir am Himmel jagen
Gullis murmeln, Rinnen speien
Wasser trieft dir von den Brauen:
Laß dir Stirn und Seele netzen

Plötzlich strahlt der Himmel wieder
Sonne - wieder neu entbrannt
Zieh die Finger durch den Scheitel
Feuchte klebt dir noch im Kragen
Wärme strömt durch alle Glieder!

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Aufbruch

Dunkel kaut an Erlenzweigen
Wipfel bleichen matt im Dämmer
schmelzen biegsam zu Konturen

weichen langsam auf, und Spuren
senden heimlich ihre Weisen
müssen heiser, raschelnd raunen

Steiler ragen Silhouetten
Horizont und Häuserketten
Nachtwärts drängen alle Wesen

Sehnsucht spannt die Flügelweiten
Schwingen: Regenbogenfieder -
fliegen können, Träume lesen

Grenzenloses trägt uns wieder
alles Schwere wird jetzt leichter
nur das Leichte hat Gewicht...

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Wir sind frei

Sie sperren uns aus
aus ihrem Gefängnis
in einen gekalkten Käfig
3x3 Schritte von Tür zu Fenster
und Wand zu Wand
damit wir ihnen nichts anhaben
in ihrem gesäuberten Biotop
aus dem es auch für sie
kein Entrinnen gibt

Uns wird das Mondlicht gesiebt
und an den grauen Rändern
unseres Gevierts
bricht die tausendfältige Nacht
ihr Schweigen
nur für uns
und stiehlt sich in unsere Träume

in denen wir von den Klippen stürzen
ohne wirklich zu sterben --
dann wachen wir auf
schweißgebadet
und froh, dass wir am Leben sind

im vertrauten Alptraum
den wir uns als Heimat
zurechtgelegt haben
frei von der befremdlichen Welt

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Sonntagstraum

Ich nehme Asyl im eigenen Leib

die rauchenden Fährten
veraschen im Ried

wo Reiher die Hälse recken
Hansasilber blinkt und
Kondensstreifen wolkig verduften

in Rückenlage Blau für Blau
in die Wimpern vertropft

die trinken und halten.

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Spaltung

[Gewidmet dem Projekt ‚Sonnensegel’
von pro mente in Wien]

Wenn sich das Dunkle in mir teilt
und aus mir herausdrängt
das mich umzingelt
wie tausend flatternde Fächer

dann höre ich wieder die Meister
die den einsamen Namen meiner Bestimmung flüstern
unablässig wälzen sie ihn im Mund
und sie lassen nie nach
bis zur Erfüllung ihrer Wünsche

Mir allein ist es auferlegt
alles zu tun
zu ihrer Zufriedenheit

Mit ihrem ständigen Wispern
lassen sie die Furcht simmern
im Kessel meines Schädels

bis das weiche Innere versteinert

Dann bedrängen mich wieder
die Stimmen der Meute
und ihre Trommeln
die in meiner Verwirrung widerhallen
wie die stampfenden Füße von Zombies

Wieder bin ich verraten
weil der dritte Hahn kräht

Warum hörst du sie nicht
die mir ewig dieselben Fragen stellen
und Irrwege anbieten
in schwarzer Freundschaft
als einzigen Ausweg ?

Das Dröhnen des Todes laß ich für heute vorbei
dein letztes Lächeln form ich zum Schleier
der uns unsichtbar macht
aus deinem Schluchzen schnitze ich
die Maske der Nacht
die uns unerkannt geleitet

Ich bitte nur dich: Bleibe bei mir

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Peter S.

Du turnst über das Pflaster
mit Tic-Tac-Toernschuhen
von Adineikbok
und fühlst dich unheimlich cool

Hast den Pakt mit dem Konsum geschlossen
aber unauffällig
entgleitet dir was Graues
das sich hauchdünn an die Straße heftet

Niemand hat’s gesehen
denn just in dem Moment
kommt ein gnädiger Nebel
wohl von London herüber

Plötzlich verwehen die Schleier
und obwohl du mit deinem
Yuppi-Teddy flüsternd weitertrudelst
fehlt dir jetzt was

Bleib stehn, wie immer du heißt
oder sollen wir vielleicht unsere Schatten
für dich vom Asphalt kratzen
und dir an die Fersen heften ?

Verdammt: So kannst du nicht weitergehen --
du fällst auf !

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Gebt auf!

Wenn ihr schlaft
träumt ihr uns
und wenn ihr träumt
fürchtet ihr uns

wenn ihr wacht
fühlt ihr uns
und wenn ihr euch ängstigt
vollendet ihr uns

wenn ihr uns flieht
findet ihr uns
und wenn ihr sterbt
nährt ihr uns

wir sind gestaltlos
und ihr tötet uns nicht
aber wir
kennen Eure Namen…

und wir sind in Euch
alle Tage
bis ans Ende der Welt

 

 

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Nur ein Lächeln

Leih mir dein Lächeln
Ich gebe dir dafür den Tag

Die Wächterin, die Nacht
Sie wird nichts merken...