Michael Lobisch-Delija

 


BlutRausch

[Für die Opfer und Angehörigen des 11. September 2001]

Link zu 'WTC survives Sep11'

Unsere Tage werden schamloser
von Nacht zu Nacht

sie tarnen unseren Blutrausch
als Abendröte
waschen sich im unendlichen Blau
der Meere rein
aus denen sie aufsteigen
in der Frühe
ohne die Schamröte
ihres Morgens zu verbergen

Das Kainsmal des Menschen
ist hoffähig geworden
unter den Augen dessen
der vorgibt bei ihm zu sein
bis an der Welt Ende

Denn in den  Köpfen und Herzen der Frömmler
blüht noch rasend die Steinzeit

das rast in den Herzen
das rast in den Mauern
von Köpfen und Häusern

das erstickt Schreie von Menschenopfern
während Metall kreischt
und brennt mit zweitausend Grad
zu bizarren Skeletten
die wie Mahnmale des Bösen
die Hinterbliebenen verhöhnen

und ihre Handlanger sind unter uns

Aber noch ist der Mond nicht besudelt:
In den Fluten des Meeres
in reinerem Licht
badet der Tag Nacht für Nacht
sein Antlitz in Unschuld

weit weg von den Todesstreifen
die sich alles Lebendigen entledigt haben

 

 

 


Michael Lobisch-Delija

BlutWelt

(Der Aufruf des letzten Propheten)

Willkommen in der blutigen Welt:

Die nach Osten buckeln
küssen ihre Waffen wie Kinder
und die an der ewigen Mauer klagen
sind verstockt bis ins steinige Herz

Ihnen allen wurde nur Hass in die Wiege gelegt
ihre Puppen heissen nach dem Zorn ihrer Väter
dem die Söhne ins gleiche Verderben folgen

denn allen wurde die Seligkeit versprochen
zu Füssen eines barmherzigen Schöpfers
dem sie in ihrem und im Blut ihrer Feinde entgegen waten
und ihm opfern sie jeden Verräter

so wie die Analphabeten in den staubigen Einöden
die zu Waffen kamen.  Ihre Namen
schreiben sie mit Blei, Blut und Erde --
oder nach dem, was die Witwen und Waisen ihnen nachrufen

Bis vielleicht der Tag kommt
wo sich die Unzahl der Toten
erhebt wie ein unterirdisches Mahnmal
eine grausige Welle berstender Schädel
knöcherne Pflugscharen
gespannt vor die gebogenen Rechen der Rippen

die uns unterpflügen werden
weil wir keine Rechenschaft geben können
über das Unverzeihliche, dessen wir uns nie geschämt
über das Unvermeidliche, das wir nicht verändert
und über die Gleichgültigkeit in unseren Gedanken
die jeder Beschreibung spottet

Wir alle hätten es wissen können --
unsere Augen waren Capas, Nachtweys und viele andere
aber selbst vernetzt bleiben wir blind
denn nur Geschwätzigkeit macht sich breit
in dem, was uns verbinden sollte
während urbis et orbis wie früher
zum Kreuze ihres Heilands kriechen

Ich rate euch: betet lieber zu den Toten
wenn ihr schon beten müsst
damit sie euch vorläufig verschonen
denn einen Heiland werdet ihr vergebens erwarten --
oder hätte sich jemals einer gezeigt
im Dunstkreis der Heilsrufer
um Leiden zu lindern
oder Tränen zu trocknen
wo die Hoffnung abhanden kam ?

Das Salz der Erde stammt von euren Tränen
euer Brot werdet ihr miteinander brechen
oder ihr geht weiter zugrunde
auf die gewohnte menschliche Art
die ihre Pfunde wuchern lässt auf der Bank
wo eure Gleichgültigkeit
mit der Überweisung an Amnesty abgezinst wird

Und wenn Ihr am Ende seid
hofft ihr immer auf diesen Gevatter mit seinem ‚Ewigen Leben’
als wäre der euer Erlöser
Ich sehe nur, er meidet die Völkermörder und Tyrannen
genauso wie die Gefolterten, die sich nach ihm sehnen
und nach ihm wird sowieso nichts mehr sein

Deshalb glaubt mir wenigstens das eine:
Euer Dasein wird im Diesseits vollendet !


(Dieser Gedichttext wurde von dem albanischen Dichter Pal Sokoli in die albanische Sprache übersetzt. Dokument hier öffnen)

 

 


 

 

Michael Lobisch-Delija

Bleigiesser

Am bitteren Geschmack der Angst
zerspringt dein gläsernes Rückgrat
die langen bleiernen Nächte
gehören dir

Dein Stundenglas vertropft die Zeit
als kleine Ewigkeiten
in denen sich Schmerzen
wie teuflische Mäander sammeln

Manchmal erlöst das rohe Tor des Tages
die Nacht aus Blei
nur dieser Bleigiesser
tropft immer noch in dein Blut

 

 

Auszug aus Gedichtband
NACHTWENDE

NACHTWENDE_klein